Der verweigerte Handschlag: Respektlosigkeit und Gefahr?

Als vor ein paar Tagen ein Imam in einer Flüchtlingsunterkunft die  CDU-Politikerin Julia Klöckner vorab telefonisch informierte, er gebe Frauen nicht die Hand, machte sie diesen Vorfall öffentlich und löste damit eine Debatte über eine angebliche Gefährdung unserer Grundwerte durch muslimische Flüchtlinge und muslimische Deutsche (ca. 3 Millionen) aus. Empörend sei für Klöckner nicht in erster Linie der verweigerte Handschlag gewesen, sondern der angebliche Gedanke, der dahinter stecke, nämlich dass Frauen weniger wert seien als Männer und ihr der Imam deshalb den Handschlag verweigert habe. Doch diese Äußerung von Julia Klöckner ist grob falsch.

Kein Handschlag als Zeichen einer geringeren Wertigkeit von Frauen?

Was Julia Klöckner als eine Grundeinstellung von Männern, die Frauen nicht die Hand geben, beschreibt, ist inhaltlich nicht tragbar. Zwar mag es durchaus Männer, insbesondere im neo-“salafistischen” Milieu geben, die Frauen als minderwertig erachten, doch ist dies im Falle des Handschlages nicht von Bedeutung. Vielmehr betrifft die Entscheidung, dem jeweils anderen Geschlecht nicht die Hand zu geben, beide Geschlechter. So gibt es gleichermaßen Musliminnen und Muslime, die es aus religiöser Überzeugung ablehnen, Angehörige des jeweils anderen Geschlechts, außer den/die eigene Partner/in, Verwandte oder Kinder, zu berühren. Begrüßt wird das jeweils andere Geschlecht trotzdem. Musliminnen und Muslime legen hierfür als Zeichen des Respekts die rechte Hand auf die linke Seite des oberen Brustkorbs. Manchmal gibt es hierbei eine kleine Verneigung, die den Respekt vor dem Gegenüber noch einmal verdeutlicht.

Gibt es so etwas nur im Islam?

Nein. Erstens ist diese Interpretation nicht so weit verbreitet wie jetzt viele denken und zweitens betrifft diese auch Angehörige des orthodoxen Judentums. Beim Judentum gilt es im Falle einer solchen Interpretation auch für beide Geschlechter gleichermaßen und ist kein Ausdruck der Geringschätzung des jeweils anderen Geschlechts. Im Christentum ist diese Tradition nicht mehr weit verbreitet. Viele konservative Politiker betonen stets das jüdisch-christliche Fundament Europas. Das Nicht-die-Hand-geben ist fester Bestandteil eines großen Teils des Judentums, auch in Deutschland.

Eine Gefahr für unsere Grundwerte?

Die Reaktion von Julia Klöckner ist nicht nur eine maßlose Übertreibung, sondern auch grob fahrlässig. Selbstverständlich mag es hierzulande zunächst unhöflich anmuten, wenn man sich nicht die Hand gibt, doch dies als eine Gefahr für Grundgesetz und Demokratie aufzubauschen ist ein hysterischer Alarmismus, der in so manchen deutschen Debatten zum Ausdruck kommt. Dazu kommt die Falschbehauptung von Julia Klöckner, diese Geste basiere auf der Ansicht, die Frau sei unreiner oder weniger wert als ein Mann, was in einem gesellschaftlich aufgeheizten Klima zusätzlichen Zündstoff liefert. Unsere Politik sollte sich vielmehr ihrer Verantwortung bewusst sein, dass das, was sie sagt weitreichende Folgen hat. Von einer Abgeordneten kann durchaus verlangt werden, dass sie sich mit Hilfe ihrer wissenschaftlichen Mitarbeiter inhaltlich besser informiert, denn Fehlinformationen und Halbwahrheiten brauchen die Debatten dieser Tage am aller Wenigsten!

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3 thoughts on “Der verweigerte Handschlag: Respektlosigkeit und Gefahr?

  1. Interessierter Leser says:

    Sehr geehrter Herr Schmidmeier!
    Es wäre sicher hilfreich, wenn sie Ihre Darstellung belegen würden. Es stehen momentan unzählige kontroverse Aussagen zu Religionen und Ethnien im Internet, die leider selten mit verlässlichen Quellen belegt werden und dadurch einer sachlich fundierten Aufklärung nicht dienlich sind.
    Für eine Nachricht an meine Mailadresse wäre ich sehr dankbar, damit ich Ihre Darlegung nicht verpasse.
    Vielen Dank im Vorraus!
    Helga Rübenstahl

  2. Ingenieurin says:

    …als Schwester einer zum Islam konvertierten Dame, die mittlerweile in Saudi-Arabien lebt, habe ich mich gezwungenermaßen etwas mit dem Islam auseinandergesetzt.

    Und verstehe somit durchaus, was Sie hier sagen möchten.

    Was aber nie jemand betrachtet ist die Sichtweise der Frau, die der Handschlag verwehrt wird:

    Aufgewachsen 26 Jahre lang hier in Deutschland, Ingenieurin, stets höflich, politisch korrekt und gegen Rassismus engagiert, traf ich einen potentiellen Nachmieter, der mir, als ich ihm die Hand hinstreckte, den “Ärmel” zum Schütteln anbot. Ohne Erklärung, ohne weitere Worte.
    Es ist doch vollkommen logisch und selbstverständlich, dass man sich hier als Frau diffamiert fühlt. Ich verstand zu diesem Zeitpunkt diese Geste nicht und fand sie mehr als unhöflich. Ich fühlte mich weniger Wert – denn bis dato hatte in 23 Jahren niemand meinen Handschlag verwehrt.

    Man könnte nun also 80 Millionen Menschen darüber aufklären, dass dies in dieser Kultur “halt so ist” und um Verständnis bitten – oder aber die deutlich geringere Anzahl Moslems, die sich dieses Verhalten angeeignet haben, adaptieren ihr Verhalten. (von Juden kann ich in diesem Zusammenhang nicht sprechen, denn die, die ich kenne, sind moderner als ich selbst…)

    Wovor es mir nämlich nach wie vor graut ist der geschäftliche Teil: Wie soll ich reagieren, was soll ich machen, wenn in der Führungsebene, in die ich bald eintreten werde, mir ein Mann den Handschlag verwehrt? Dies ist für mich durchaus ein negatives Zeichen, für mich persönlich eine geringe Wertschätzung und führt zudem dazu, dass ich auch im Kreise der anderen Führungskräfte als Witzfigur dastehe. In einer Branche, wo man als Frau sowieso alleine dasteht, insbesondere in besseren Jobs. Ich werde in diesem Moment von männlichen Kollegen abgegrenzt, obwohl ich seit Beginn meines Studiums um eine 150%ige Integration in diese Männerwelt kämpfe.

    Dabei könnte alles so einfach sein für mich, wenn örtliche Gegebenheiten schlicht adaptiert würden.

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