Kommentiert: Fatwa gegen Händchenhalten in der Türkei

Nach Artikeln im Spiegel und der Welt gibt es wieder Aufregung bezüglich der Türkei. Grund ist diesmal ein Fatwa der Religionsbehörde, wonach diese angeblich Paaren „verbieten“ würde zu flirten oder Händchen zu halten.

Was ist ein Fatwa?

Ein Fatwa ist ein islamisches Rechtsgutachten ohne jegliche rechtliche Bindung oder Rechtsrelevanz. Es handelt sich um eine islamisch-theologische Meinung, mehr nicht. Zuvor muss es zu konkreten religiös-ethischen Fragen in Auftrag gegeben worden sein. Für religiöse Menschen sollen Fatwas eine Anleitung zu einem gottgefälligen Leben darstellen. Fatwas sind aber durchaus sehr individuell, das heißt von Mufti zu Mufti (der die Fatwa ausstellt) unterscheiden sich diese teils erheblich. Es ist also die persönliche Entscheidung jedes Gläubigen einem Fatwa zu folgen, oder eben nicht.

Warum derartige „Empfehlungen“?

Nach islamischer Vorstellung ist außerehelicher Geschlechtsverkehr (Zina) eine schwere Sünde. Zina ist der vollzogene Geschlechtsakt. Dieses Thema wird im Koran ab Sure 24:2 ff. behandelt und beschrieben. Da Zina im islamischen Wertesystem eine schlimme Sünde ist, soll folglich das vermieden werden, was dazu führen könnte. Dadurch soll schlicht verhindert werden, dass zwei Menschen schwach werden und außerehelichen Sex haben. Im islamischen Recht nennt man dies sadd adh-dhara’i’ (dt. „Versperren der Mittel“), wonach bereits das verboten ist, was zu Verbotenem führt. Das wiederum wird in den unterschiedlichen Rechtsschulen aber sehr unterschiedlich interpretiert und weiter oder weniger weit gefasst. Die malikitische und die hanbalitische Rechtsschule, die in diesem Zusammenhang sehr auf die Absicht des Menschen (niya) schauen, gestehen dem „Versperren der Mittel“ eine breitere Anwendung zu. Die Schafiiten und die in der Türkei vorherrschende Rechtsschule der Hanafiten beschränken dies auf abstrakte oder konkrete Fälle, in denen mit Absicht oder hoher Wahrscheinlichkeit ein bestehendes Verbot umgangen werden soll. Im Falle dieses Fatwas der türkischen Religionsbehörde werden Dinge beschrieben, die zu vermeiden seien, da die konservativen Rechtsgelehrten der Ansicht sind, diese könnten zu außerehelichem Geschlechtsverkehr führen.

Verbietet das Fatwa in der Türkei Paaren Händchen zu halten?

Nein. Ein Fatwa ist in der Türkei auch nichts anderes als eine religiöse Empfehlung. In der Türkei gilt kein islamisches Recht. Erdogan ist faktisch seit 2003 an der Macht. Seither hat sich nichts an dieser Tatsache geändert. Dass eine Empfehlung keine interreligiöse Ehe einzugehen bei vielen Irritationen auslöst ist verständlich. Auch ich halte das für falsch. Aber es ist nur die Meinung ohnehin konservativer religiöser Menschen, ohne rechtliche Folgen. Derartiges finden wir auch hierzulande bei der katholischen oder der evangelischen Kirche. Interkonfessionelle Heirat ist auch dort nicht gänzlich unproblematisch. Bis weit in die 1960er Jahre wurden katholische Partner für eine Ehe mit Angehörigen der evangelischen Kirche exkommuniziert. Auch in der evangelischen Kirche wurde man konfessionell eingeschränkt. In einigen Landeskirchen durfte der Partner/die Partnerin nicht in den Kirchen-Gemeinderat.

Ein derartiges Fatwa, wie das der Diyanet, zu kritisieren halte ich für äußerst verständlich. Dass diese Moralvorstellungen sich auch problematisch äußern können, wenn zum Beispiel ein nichtmuslimischer Deutscher mit einer muslimischen türkischstämmigen Frau in Deutschland liiert sein möchte, da die Diyanet hierzulande über die Ditib einen enormen ethischen Einfluss ausübt, ist Fakt. Auch Fakt ist allerdings, dass dieses Fatwa nichts anderes ist als eine religiöse Meinung, kein rechtliches Verbot oder ein Gesetz von Sittenwächtern.

Vgl. hierzu: Rohe, Mathias: Das islamische Recht. Geschichte und Gegenwart, Beck: München 2009, S. 74ff.

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